Im Sommer 2008 war ich Hotelier, und meine Kinder gingen noch zur Schule. Es war eine Privatschule, eine sehr gute, und als Schülerpapa brachte ich mich dort viel ein, in die Arbeit der Schule und in die Arbeit mit den Kindern. Die Klasse meines Sohnes plante eine Reise nach Kroatien ans Meer, und ich fuhr mit.
Der Klassenlehrer, Dénes, war mein Freund und ein ganz toller Mensch, eine Schülermama, Helga, kam noch dazu. Wir waren also drei Erwachsene. Mit Helga habe ich mich auch sehr gut verstanden, und Dénes, Helga und ich, wir waren ein Dreamteam. Zu dritt waren wir öfters mit den Kindern unterwegs, nicht nur auf dieser Reise, und das war immer reibungslos und wunderschön.
Mit dem Zug ging es von Wien nach Salzburg. Es war gerade Fußball-Europameisterschaft, deshalb lief die Strecke über Salzburg, und dort mussten wir aussteigen. Wir warteten in der Nacht auf den Nachtzug nach Rijeka. Die Kids beschäftigten sich ganz gut. Der Zug kam dann auch, alle belegten ihre Betten, und so fuhren wir schlafend durch die Nacht bis Kroatien.
Am nächsten Morgen in Rijeka gingen wir vom Bahnhof Richtung Hafen. Es war eine Schlepperei, jeder mit seinem Gepäck, und der Weg bis zur Fähre war ziemlich weit. Die Fähre brachte uns dann auf die Insel Cres.
Auf einem Campingplatz bauten wir unsere Zelte auf und hatten eine schöne und lustige Zeit mit den Schülerinnen und Schülern. Die Bora legte zwar immer wieder zu und blies uns die Zelte halb um, aber es funktionierte. Zum Essen gingen wir in die Restaurants im Ort, und die Kinder bekamen dort großes Lob von Gästen und Personal dafür, wie gut sie sich benahmen. Und trotzdem war es locker und lustig.
An einem dieser Tage fuhren wir mit dem Boot zu einem anderen Abschnitt, so ein kleiner Inselteil, der zu Cres dazugehört und nicht mit dem Auto erreichbar ist. Dort machten wir es uns an einem Strand bequem. Es gab da eine blaue Grotte. Man musste aber etwa hundert Meter hinschwimmen, eine zerklüftete Felsenküste entlang und um die Ecke.
Dénes und ich schwammen hin, neugierig, wie es drinnen wohl sein würde, und gingen hinein. Es waren mehrere Höhlen drinnen im Fels, große Räume. Das Wasser spiegelte blau und schimmerte, es war faszinierend da drinnen. Wir gingen immer weiter, bis eine größere Höhle kam, und dort sah man hellblau durch das Wasser schimmern, dass es unten wohl einen Durchgang geben musste, hinaus ins freie Wasser.
Als ehemaliger leidenschaftlicher Sporttaucher war ich natürlich fasziniert. Wir vereinbarten, dass ich schaue, ob man von hier nach draußen tauchen kann. Ich würde dann zurückkommen und es ihm sagen, oder er kommt mir nach. Ich hatte weder Taucherbrille noch Flossen, ich war ja einfach vom Strand herübergeschwommen.
Ich tauchte einige Meter nach unten, dann einige Meter durch einen Felsentunnel, und draußen im Freiwasser tauchte ich wieder auf. Dort wartete ich, dass er mir folgte. Das passierte nicht. Ich schaute nach vorne zum Eingang, durch den wir anfangs hineingeschwommen waren, aber er kam auch dort nicht. Also dachte ich, er bleibt drinnen und wartet auf mich.
Ich tauchte wieder ab, einige Meter, unten hinein in den Durchgang. Im Fels musste ich etwas höher, und plötzlich war es stockfinster. Ich verlor die Orientierung, dachte, ich wäre schon durch, und wollte auftauchen.
Mit dem Kopf knallte ich wie ein Sektkorken gegen den Stein, den scharfkantigen Stein. Der war über Jahrtausende ausgewaschen, lauter spitze, schneidende Kanten. Ich hörte ein lautes Geräusch in meinem Kopf, das sich anhörte wie eine Nuss, die geknackt wird, und ich wusste sofort, was jetzt passiert. Als sehr erfahrener Taucher wusste ich, dass ich jetzt bei Bewusstsein bleiben muss und dass ich Ruhe bewahren muss. Problemmanagement sozusagen. Ich war auch wirklich gut trainiert und geriet deshalb nicht in Panik. Automatisch stieß ich Luft aus. Nach oben konnte ich nicht mehr. Ich wusste nicht mehr genau, wo oben und unten ist, und eigentlich gingen mir sozusagen gleich die Lichter aus.
Ich sah keinen Film meines Lebens, der vor mir abläuft. Ich sah eine ganze Bildtafel, wie ein Mosaik aus einzelnen Filmen von unterschiedlichen Stationen meines Lebens. Sie waren gleichmäßig nebeneinander und untereinander angeordnet und liefen alle gleichzeitig. Chronologisch war die Anordnung nicht, aber ich erkannte alles wieder. Das waren keine vagen Vorstellungen, das war deutlich zu sehen, in Farbe und komplett lebendig. Es war seltsam und faszinierend zugleich. Heute würde ich sagen, es waren Reels.
Da war mir klar, das war’s jetzt, ich würde jetzt sterben. Da gehen einem keine und viele Dinge gleichzeitig durch den Kopf, aber es war einfach klar, dass das jetzt so ist. Mir wurde bewusst, dass es keinen Ausweg geben würde, und ich musste mich mit der Situation kurzfristig abfinden. Und trotzdem war alles in mir ruhig. Auch der Schmerz ging weg, mir tat plötzlich nichts mehr weh. Der Satz, der mir durch den Kopf ging, war tatsächlich: Also so geht’s zu Ende. Das war mehr oder weniger eine Feststellung und eine Frage zugleich.
Ich war überrascht. Als junger Mensch wollte ich irgendwann einmal wissen, wie ich denn sterbe. In dem Moment wusste ich es.
Und ich hatte da drinnen das Gefühl, dass ich nicht alleine bin. Wobei ich nicht beschreiben kann, wer anwesend gewesen wäre. Wie auch immer die Hintergründe dafür gewesen sind, es hat sich so abgespielt. Ich habe es so erlebt.
Beim Betrachten der Filme tauchte dann rechts unten das Bild meiner Kinder auf, und dort sah ich hin. Das gehörte nicht zu dieser Bildtafel. Es war ein völlig anderes, neues Bild außerhalb dieser Reels, und es war viel größer als die kleinen Filme. Auf der einen Seite lief mein Leben ab mit seinen Stationen, auf der anderen Seite war dieses große Bild meiner Kinder. Das war der Ausweg. Als dieses Bild kam, musste ich tatsächlich eine Entscheidung treffen. Ich musste mich entscheiden, ob ich jetzt da bleibe und sterbe oder ob ich weiterlebe. Zu sterben wäre so einfach gewesen, und zu leben sehr anstrengend. Es wäre angenehm gewesen zu bleiben.
Aber ich wollte für meine Kinder da sein und sie auf ihrem Lebensweg unterstützen. Es war mir wichtig, dass sie ihren Vater haben. Und ich wollte sie aufwachsen sehen, wie sie groß werden, wie sie durchs Leben gehen. Denn das ist für mich der wichtigste Sinn meines Lebens. Die Liebe zu meinen Kindern war viel stärker als meine eigene Bequemlichkeit, meine eigene Situation. Ich war noch nicht fertig mit meinem Leben. Ich habe diese Entscheidung ganz bewusst getroffen, fürs Leben, und für meine Kinder und für meine Familie und für so vieles mehr.
In der Richtung des Bildes lag der Ausgang. Ich konnte mich wieder orientieren. Der Engpass war nur, dass mein Körper eigentlich nicht mehr in der Lage war, hinauszukommen. Ich hatte keine Luft und keine Kraft mehr und war wirklich sehr angeschlagen. Trotzdem hat sich nochmals alles mobilisiert, ohne Luft, die hätte ich gebraucht. Wie auch immer, ich schaffte es, nochmals abzutauchen, durch den Tunnel im Fels, und kam mit einer fast übermenschlichen Anstrengung hinaus ins Freie, hinauf an die Oberfläche. Ich weiß noch, wie erlösend dieser Atemzug war.
Danach musste ich mir ständig das Wasser aus dem Gesicht wischen, bis ich merkte, dass das kein Wasser war. Es war Blut, rotes, warmes Blut, das mir vom Schädel über das Gesicht lief und das Wasser um mich herum rot einfärbte. Dazu kam ein Schwindel, ich fühlte mich sehr schwach, und als geübter Taucher wusste ich, was das bedeuten kann. Blutend durchs Meer zu schwimmen, in einer Gegend, in der es auch Haie gibt, ist außerdem nicht besonders förderlich.
Sehen und hören konnte mich dort keiner, die Felsenküste lag dazwischen, und helfen konnte mir auch keiner. Dénes fand ich nicht, ich wusste nicht, wo er war. Also schwamm ich ganz bewusst die etwa hundert Meter zurück, die zerklüftete Felsenküste entlang. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich mit mir selbst sprach. Ich sprach mir selbst Mut zu und gab mir die Anweisung, über Wasser zu bleiben und nicht unterzugehen, und führte meine Bewegungen sehr bewusst aus, damit ich den Strand erreichen kann. Als ich Boden unter den Füßen spürte, ging ich hinaus über den Kies, und dann verließen mich die Kräfte. Ich brach am Strand zusammen.
Die Kinder liefen zu mir, und dann auch gleich Dénes und Helga. Mit meinem Schwindel habe ich das nicht mehr so genau mitbekommen.
Später wurde klar, dass Dénes und ich uns verpasst hatten. Er hatte in der Grotte auf mich gewartet, und ich draußen einen kurzen Moment auf ihn. Dann war er überzeugt davon, dass ich draußen bleibe und weiter auf ihn warte, und ging den Weg durch die Grotte wieder zurück und hinaus. In der Zwischenzeit bin ich hineingetaucht, und mir ist das da drinnen passiert. Als ich wieder hochkam, war er bereits drüben am Strand.
Die Kinder waren natürlich sehr erschrocken, sie waren alle so um die fünfzehn Jahre alt, und mein Sohn machte sich große Sorgen. Einfach weg konnten wir von dort nicht. Gemeinsam brachten sie mich auf das Boot, da ging es mir etwas besser.
Dénes kannte sich mit Wunden gut aus. Sein Vater war zwar Tierarzt gewesen, aber er hatte ihm oft in der Praxis geholfen. Er sah sich meinen Kopf an und sagte mir, dass die Kopfhaut über mehrere Zentimeter aufgeplatzt sei und er an einer Stelle bis auf den Knochen sehen könne. Das hat mir weniger gefallen.
Dénes und die Bootsbesatzung suchten, was an Bord wäre, am besten Nähzeug, damit er die Wunde zumindest irgendwie fixieren könnte. Alles, was sie fanden, war eine saubere, verpackte, sterile Kompresse. Die wurde mir über die Wunde angelegt, sodass ich transportfähig wurde. Also brachte mich das Boot zurück, die Fahrt dauerte in etwa dreißig Minuten. Dénes und Helga blieben mit den Kindern am Strand. Der Captain hatte telefonisch jemanden angefordert, privat, und der fuhr mich mit seinem Privat-Pkw in eine kleine Landklinik auf der Insel.
Dort war gerade Mittagspause. Die Ärztin und die Schwester sagten, ich solle warten, und sie haben ihre Mittagspause richtig beinhart durchgezogen. Ich lag in einem Behandlungszimmer und wartete. In so einer Situation zu warten ist sehr unangenehm, aber okay, es war so.
Als sie kamen, waren sie nicht unfreundlich. Sie fragten kurz, was passiert sei. Das war schwierig zu erklären, sie sprachen kaum Englisch und ich kein Kroatisch. Irgendwie machte mir die Ärztin klar, dass sie die Wunde jetzt nähen wird. Die Ärztin und die Schwester haben die Wunde zuerst gesäubert und desinfiziert und an der Stelle die Haare entfernt. Dann sagte sie zu mir: „Okay, we start.“ Bei vollem Bewusstsein, ohne Narkose und ohne Schmerzmittel, wurde mir die große Wunde am Kopf genäht. Zu meiner Überraschung war es auszuhalten. Es war nicht so schlimm, wie ich gedacht hatte.
Der Mann mit dem Auto hatte auf mich gewartet, während ich in der Klinik war, und brachte mich dann mit meinem Verband am Kopf zurück zum Campingplatz. Haben wollte er dafür nichts. Diesem Menschen danke ich, denn er hat sich in seiner privaten Zeit um mich gekümmert.
Erst am Campingplatz wurde mir bewusst, was an diesem Tag passiert war und was noch hätte passieren können. Ich war sehr froh.
Die Gruppe war noch mit dem Boot unterwegs, ich war also alleine am Hafen, wo sich gleich auch der Campingplatz befand. Ich ging zum örtlichen Friedhof, der dort in der Nähe war, und machte eine Runde. Dort verstand ich, wie schön und wie wertvoll es doch war, heute am Leben zu sein.
Ich machte mir große Sorgen um meinen Sohn, weil er nicht genau wusste, was mit mir los ist. Später am Tag fuhr das Boot in den Hafen ein, und ich sah das Boot und die Kinder. Mein Sohn lief am Pier auf mich zu, und als ich ihn umarmen konnte, war alles wieder gut, für mich und für ihn.
Natürlich hatte ich danach Schmerzen, im Kopfbereich, aber auch an meinen Gliedmaßen, weil ich mir auch die Arme und die Hände verletzt hatte. So verbrachte ich die restlichen Tage mit meinem Verband am Kopf und trat später damit auch die Heimreise an.
Die Bilder aus der Höhle beschäftigen mich bis heute. Reels gab es damals im Internet noch nicht, das Wort verwende ich erst heute. Ich kannte so etwas von nirgendwo, ich habe also nichts verwechselt. Ich habe es vorher nie gesehen und auch danach nicht mehr.
Über die Entscheidung, die ich dort drinnen getroffen habe, bin ich froh. Gerettet hat mich die Liebe zu meinen Kindern, zu meiner Familie. Und ich habe mich selbst gerettet.
Es war nicht die erste Situation in meinem Leben, in der ich mit dem Tod ringen musste. Das ist mehrmals passiert. Aber dieser Tag war etwas ganz Besonderes, denn an ihm begann tatsächlich mein neues Leben. Wenige Jahre später ist mein ganzes altes Leben zerbrochen und in Scherben gelegen, scheinbar. Ich musste neu beginnen. Ich habe verändert und gebremst, und ich wurde verändert. Alles kam anders, als ich es gedacht oder geplant hätte. Was damals genau geschah, das erzähle ich in einer anderen Geschichte.
Dieses Erlebnis hat mich komplett verändert, sodass ich heute der Mensch sein kann, der ich wirklich bin. Und der ist anders, als mich viele von früher kennen. Ich kann seit damals sehr, sehr offen auf Menschen zugehen, und es hat sich vieles erweitert dadurch in meinem Leben. So wie ich heute lebe, kann es von vielen nicht verstanden werden, und das ist okay so. Es hat mit dem damaligen Erlebnis zu tun. Ich begegne meinem Leben jeden Tag, jeden einzelnen Tag bewusst neu, in dem Moment, in dem ich aufstehe. Ich habe es nie vergessen.
Ich bin sehr dankbar für alles, was geschehen ist, und für alles, was heute sein darf. Es gab noch viel zu leben, und das tue ich heute. Nach so langer Zeit kann ich darüber reden, und ich will es auch erzählen, denn ich habe es lange nicht getan.